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Ein Weg voller Abzweigungen

Sonntagszeitung vom 14.4.2013 

Martin Gerber ist der weitestgereiste Schweizer Eishockeyspieler. Die Wanderjahre haben ihn geprägt und für die Zukunft gerüstet

Von Kai Müller

Lausanne Martin Gerber hat in seiner Karriere manche Abzweigung genommen, doch jeden Frühling führt sein Weg in die Schweiz. Die Rückkehr nach einem langen Winter hat für den Nationalgoalie schon fast etwas Rituelles: Sie ist meist Abschluss eines neuen Abenteuers. Auch in diesem Jahr.

Er sitzt an diesem Donnerstag im Restaurant der Lausanner Eishalle, wo die Schweiz (ohne ihn) am Vorabend im WM-Vorbereitungsspiel Frankreich 6:1 besiegt hat, und blickt zurück. Auf ein schwieriges Jahr in Schweden bei Aufsteiger Rögle, das mit dem Abstieg endete. Könnte er einen Schritt in seiner Karriere rückgängig machen, dann diesen. «Ich war zu blauäugig, weil ich in der Saison davor mit Aufsteiger Växjö fast das Playoff erreicht hatte, und befasste mich nicht eingehend mit der Organisation. Ich ging ein Risiko ein - und verlor», räumt der 38-Jährige ein und schiebt nach: «Sportlich. Sonst war die Zeit dort wunderbar.»

Trotz schmerzvollem Start ins Tor gestanden

Mit dem Fehltritt zu hadern, liegt Gerber aber fern. Die vielen Stationen seiner langen Laufbahn zwischen Nordamerika und Russland haben ihn gelehrt, sich anzupassen, auch wenn die Umstände schwierig sind: «Im Notfall muss man sich halt sieben, acht Monate durchbeissen.»

Diese Einstellung sagt viel über die Person Martin Gerber, diesen ruhigen, zähen Emmentaler, den die eigene Beharrlichkeit so weit gebracht hat. Der Weg des geringsten Widerstands war ihm stets fremd. Sonst wäre er kaum Eishockeyspieler geworden, geschweige denn ein erfolgreicher. Als er mit 12 ein Schnuppertraining in Langnau besuchte, landete ein Puck an seinem Knie und später einer in seinem Gesicht. Die Lippe blutete, zwei Schaufelzähne wackeln noch heute. Doch weil es an Goalies fehlte und er eine - für die Familie mit sechs Kindern nicht erschwingliche - Ausrüstung angeboten bekam, stellte er sich schon bald ins Tor.

«Der Gleiche zu bleiben, ist eine Utopie»

Es sollte der Beginn eines Sportmärchens sein, das zunächst auf eine Kurzgeschichte hinauszulaufen schien. Gerber galt bei den Nachwuchstrainern als weitgehend talentfrei, wurde als 17-Jähriger zu Signau in die 2. Liga abgeschoben. Er kämpfte sich aber zu den SCL Tigers zurück - und hexte sie 1998 zum Aufstieg in die NLA.

Die Suche nach neuen Herausforderungen trieb ihn an. 2001 folgte er Trainer Bengt-Åke Gustafsson zu Färjestad. «Ich hatte davon geträumt, weil noch kein Schweizer in Schweden gespielt und ich viel Gutes gehört hatte», sagt er. Andere Länder interessierten ihn schon länger. Nun bot sich die Möglichkeit, Reiselust und Beruf zu verbinden. Die Meistersaison mit Färjestad, die ihm den ersten NHL-Vertrag bei Anaheim einbrachte, war der Anfang von zwölf Wanderjahren. Sie liessen Gerber zum weitestgereisten Schweizer Eishockeyspieler werden und prägten ihn. «Der Gleiche zu bleiben, ist eine Utopie. Aber ich blieb meinen Grundsätzen treu. Ich entwickelte mich in den verschiedenen Kulturen weiter, indem ich lernen musste, an einem fremden Ort etwas Neues aufzubauen und mich zurechtzufinden», sagt er.

Das galt speziell für sein Engagement beim Moskauer Vorortclub Atlant Mytischtschi 2009/10. Gerber hatte bei Ottawa eine schwierige Saison mit Abstechern zum Farmteam und spätem Transfer zu Toronto hinter sich, worauf er beim KHL-Verein unterschrieb, weil er Spielpraxis brauchte und ihn die fremde Liga seit einiger Zeit reizte. Selbst nach sechs NHL-Jahren mit 238 Spielen bei vier Clubs und als Stanley-Cup-Sieger 2006 mit Carolina verschmähte er den bequemen Weg und verzichtete auf eine Rückkehr in die Heimat.

Für eine Familie mit Kind und Hund, aber ohne Sprachkenntnisse sei Russland «kein Zuckerschlecken» gewesen, erzählt er. Und doch nehmen die Erinnerungen einen speziellen Platz ein. Seine Partnerin Bettina brachte Tochter Lina in Moskau zur Welt, zwei Monate später, im Dezember 2009, lag Gerber selber im Spital. Bei einem Zusammenprall in einem Match brachen zwei Dornfortsätze an den Halswirbeln, rissen die Halswirbelbänder. Dank seiner ausgeprägten Muskulatur entging er einer Lähmung. Heute sagt er: «Seither fährt es mir direkt ins Mark, wenn ich Videos von Missgeschicken und Unfällen sehe.» Fünf Monate später bestritt er bereits wieder die WM, seine achte und bisher letzte.

Nächstes Jahr in der Schweiz oder in Schweden

Mittlerweile, nach einem weiteren Anlauf in Nordamerika, der Geburt von Sohn Louis (Oktober 2011) und zwei Jahren in Schweden, ist er in einem Alter, in dem die Zukunft abseits des Rinks zum Thema wird. Dass er dem Eishockey - in welcher Funktion auch immer - erhalten bleiben wird, ist klar: «Ich habe so viele Erfahrungen gemacht, die man weder lernen noch kaufen kann - das will ich ausnützen.» Einem Mann mit solchem Netzwerk sollte manche Tür offen stehen.

Noch ist seine Karriere aber nicht vorüber. Gerber wird in Schweden oder in der Schweiz weiterspielen, er fühlt sich an beiden Orten zu Hause. «Heimat ist für mich dort, wo ich viel Zeit verbracht und ein soziales Umfeld habe», sagt er. Gespräche hat er unter anderem mit Kloten und Servette geführt, ein konkretes Angebot liegt nicht vor. Das hat Zeit. Zuerst will er sich für die WM aufdrängen. Und dann entscheiden, ob er vor der Rückkehr in die Schweiz eine weitere Abzweigung nimmt.

(Quelle: Sonntagszeitung)

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